Regelmäßig greifen die Rechtsextremisten im Lande die Themen Kindeswohl und sexueller Missbrauch von Kindern auf. Sie fordern in diesem Zusammenhang in ihren Flugschriften und im Rahmen von „Mahnwachen“ und Demonstrationen die „Todesstrafe für Kinderschänder“. Dabei nutzen sie aktuelle Vorfälle für ihre Agitation aus und schüren - auch mit Blick auf die aktuelle Diskussion zur Sicherungsverwahrung – die Ängste der Bevölkerung. Die NPD ist maßgeblich in diese Propagandaaktivitäten eingebunden. Deren ideologische Ausrichtung und insbesondere die Haltung der Partei zum Dritten Reich lassen jedoch Zweifel aufkommen, ob die NPD tatsächlich am Wohlergehen von Kindern interessiert ist oder ob sie hier wiederum lediglich ein Thema besetzt, um politisch wahrgenommen zu werden. Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Blick in das Angebot des NPD-nahen Deutsche Stimme Verlages und des von NPD-Kadern aus Mecklenburg-Vorpommern geführten „Pommerschen Buchdienstes“ in Anklam. Dort wird aktuell ein Buch über die Aktionen der SS-Sturmbrigade „Dirlewanger“ in den Jahren 1944/45 angeboten.1) Eine dazugehörige Buchbesprechung hebt die „Kampfkraft“ dieses Verbandes hervor, der „große Erfolge“ in der „Partisanenbekämpfung“ erzielt habe. Zwar wird auf das „brutale Vorgehen“ dieser Einheit hingewiesen. Eine kritische Auseinandersetzung mit den historisch belegten Gräueltaten findet sich jedoch nicht. Im Gegenteil: es wird darauf hingewiesen, dass „im Häuserkampf“ ein „rücksichtsloser Angriff“ von Vorteil sei. Daher sei diese Einheit zur Niederschlagung des „Warschauer Aufstandes“ im Jahre 1944 eingesetzt worden.
Den dabei unter Verantwortung der Waffen-SS durchgeführten Operationen fielen etwa 200.000 Männer, Frauen und Kinder zum Opfer, die in einer „wilde(n) Orgie von Grausamkeit... hingeschlachtet wurden“2).
Kurz vor diesem Einsatz war die Truppe noch personell verstärkt worden, darunter Diebe, Mörder, Vergewaltiger und Pädophile 3). Hier ist anzumerken, dass die SS-Sturmbrigade „Dirlewanger“, die Anfang 1945 in die 36. Waffen-Grenadier-Division der SS und damit zum regulären Verband der Waffen –SS umgewandelt wurde 4), 1940 zunächst als Einheit zur „Bandenbekämpfung“ vorgesehen war. Sie sollte sich nach den Vorstellungen des SS-Hauptamtes aus Wilddieben und sonstigen Insassen der Strafvollzugslager und Haftanstalten der Polizei und der SS zusammensetzen, die sich im Kampf zu „bewähren“ hätten 5). Nicht nur beim Einsatz in Warschau fiel die Dirlewanger-Einheit durch ihre Grausamkeit auf. Bei der „Partisanenbekämpfung“ in Weißrussland wurden die Bewohner von Dörfern – auch Frauen und Kinder - in denen sich „Partisanen“ aufhielten, in Scheunen eingesperrt, die dann angezündet wurden 6). Dabei kamen im Juni 1942 allein im Dorf Borki und seiner Umgebung über 2.000 Menschen ums Leben 7). Als Kommandeur und Namensgeber dieser Sondereinheit wurde der spätere SS-Oberführer Oskar Dirlewanger eingesetzt, der 1934 wegen Missbrauchs eines minderjährigen Mädchens verurteilt worden war 8), 9). Für den Einsatz bei der Niederschlagung des „Warschauer Aufstandes“ wurde ihm im Oktober 1944 gleichwohl das Ritterkreuz verliehen 10).
Im Zusammenhang mit dem Angebot des Buches über die „SS-Sturmbrigade Dirlewanger“ macht der Deutsche Stimme-Verlag darauf aufmerksam, dass die jeweiligen Käufer auch „Mädchenhemden“ mit der Aufschrift „Todesstrafe für Kinderschänder“ erworben hätten. Die Motivation für dieses Konsumverhalten bleibt im Dunkeln. Eine mögliche Erklärung könnte die bei NPD-Anhängern immer wieder deutlich werdende Sympathie für den Nationalsozialismus sein. So findet sich im Angebot des von einem hiesigen NPD-Funktionär betriebenen „Levensboom“ –Versandhandels ein Button mit der Aufschrift „National Socialist“ 11). Der bereits erwähnte „Pommersche Buchdienst“ bietet „meisterhafte“ Kupferstiche des Hitlerstellvertreters Rudolf Heß an 12). Schließlich findet sich auf einer vom NPD-Landtagsabgeordneten Tino Müller verantworteten Internetseite ein Plakat mit der Aufschrift „Nationaler Sozialismus!“ 13). Das Begriffspaar „nationaler Sozialist“ wurde von Hitler synonym mit dem Begriff „Nationalsozialist“ verwandt 14). Diese bereits an wenigen Beispielen festzumachende geistige Nähe zum Nationalsozialismus lässt den Schluss zu, dass auch dessen rassistisch motivierte Verbrechen an Kindern von heutigen NPD-Kadern als gerechtfertigt angesehen werden. Hierzu gehört die im Dritten Reich verharmlosend als „Kindereuthanasie“ bezeichnete Ermordung von Kindern, die „rassebiologisch“ als „lebensunwert“ eingestuft wurden. Getötet wurden nach Schätzungen mehrere Tausend Kinder jeden Alters 15). In einigen Fällen ließ man sie einfach verhungern 16). Dem Massenmord an den europäischen Juden fielen ca. 1,5 Millionen Kinder zum Opfer 17). Wenn sie nicht gleich in den Vernichtungslagern getötet wurden, wurden an ihnen z.T. medizinische Experimente durchgeführt. Noch im April 1945 wurden in einem Außenkommando des KZ Neuengamme bei Hamburg 20 jüdische Kinder im Alter bis zu 12 Jahren erhängt, um gegenüber den herannahenden britischen Truppen die Spuren der Tuberkuloseexperimente zu verwischen 18).
Von den NPD-Führungskadern im Land, die offenbar weiterhin tief im nationalsozialistischen Gedankengut verwurzelt sind, ist kein Mitleid mit diesen Opfern zu erwarten. Noch viel weniger dürften sie zu einer Kritik an Kriegsverbrechern wie Dirlewanger fähig sein. Insoweit verwundert das oben beschriebene Konsumverhalten nicht. Die rechtsextremistische Ideologie lässt offenbar eine moralische Unterscheidung kinderschänderischen Verhaltens oder sogar des Tötens von Kindern zu. Mit einer solchen Haltung können die hiesigen NPD-Kader für sich nicht in Anspruch nehmen, als Schutzmacht der Schwächsten in einer Gesellschaft aufzutreten. Vielmehr wird deutlich, dass die NPD-Propagandisten mit der „Kinderschänderthematik“ vorrangig auf populistische Wirkungen zielen und wenn überhaupt lediglich die Interessen von aus ihrer Sicht „artgerechten“ Kindern im Blick haben. Eine Sichtweise, die unmittelbar an die rassistischen Denkmuster der Nationalsozialisten anknüpft.“
1) siehe http://www.ds-versand.de/product_info.php?info=p1463_michaelis...und http://www.pommerscher-buchdienst.de/buecher/militaergeschichte/waffen-ss/index.html vom 13.09.2010
2) Kershaw, Ian: Hitler 1936-1945, Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 2000, S. 944
3) vergl. Burleigh, Michael: Die Zeit des Nationalsozialismus. Eine Gesamtdarstellung, Frankfurt am Main: Fischer
Verlag 2000, S. 874
4) vergl. Bundesverband der Soldaten der ehemaligen Waffen-SS (Hrsg.): Wenn alle Brüder schweigen. Großer Bildband über die Waffen-SS, Coburg: Nation Europa Verlag 1973, S. 584
5) vergl. Buchheim, Hans: Anatomie des SS-Staates, Band 1 – Die SS – das Herrschaftssystem Befehl und Gehorsam, München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1984, S. 303ff.
6) Auerbach, Hellmuth: Die Einheit Dirlewanger, in: http://www.ifz muenchen.de/heftarchiv/1962_3.pdf vom 11.09.2010
7) Pohl, Dieter: Die Herrschaft der Wehrmacht. Deutsche Militärbesatzung und einheimische Bevölkerung in der Sowjetunion 1941-1944, München: Oldenbourg Wissenschaftsverlag 2009, S. 287
8) Auerbach, Hellmuth: Die Einheit Dirlewanger, in: http://www.ifz muenchen.de/heftarchiv/1962_3.pdf vom 11.09.2010
9)vergl. Stein, George H.: Geschichte der Waffen-SS, Königstein/Ts.: Athenäum Droste Taschenbücher 1978, S.239
10) Auerbach, Hellmuth: Die Einheit Dirlewanger, in: http://www.ifz muenchen.de/heftarchiv/1962_3.pdf vom 11.09.2010
11) http://www.levensboom.de/contents/media/t_nationalsocialist.jpg vom 14.09.2010
12) http://www.pommerscher-buchdienst.de/weihnachten/kupferstich-rudolf-he...vom 14.09.2010
13) http://freies-pommern.de/FP.Bau.Blog/wp-content/uploads/2010/01/...vom14.09.2010
14) vergl. Hitler, Adolf: Mein Kampf, 17. Auflg., München: Verlag Franz Eher Nachf. 1943, S. 557
15) vergl. Jenner, Harald: Quellen zur Geschichte der „Euthanasie“-Verbrechen 1939-1945 in deutschen und österreichischen Archiven. Ein Inventar, http://www.bundesarchiv.de/geschichte_euthanasie/inventar_euth_doe.pdf, S. 4
16) Wendt, Bernd Jürgen: Deutschland 1933-1945. Das „Dritte Reich“, Hannover: Fackelträger-Verlag 1995, S. 565ff.
17) vergl. http://www.haglil.com/shoah/kinder.htm vom 14.09.2010 und http://www.km.bayern.de/blz/eup/01_08_themenheft/2.asp vom 15.09.2010
18) Wendt, Bernd Jürgen: Deutschland 1933-1945. Das „Dritte Reich“, Hannover: Fackelträger-Verlag 1995, S. 590
Datum: 06.10.2010