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Neonazistische Kameradschaften


Die kleinste Einheit der „nationalen Bewegung“
Als Reaktion auf die zahlreichen Verbote neonazistischer Vereine seit Anfang der 90er Jahre begannen sich Neonazis neu zu organisieren. Auf Ortsebene entstanden 5 bis 20 Personen starke Gruppen ohne vereinsmäßige Struktur und formale Mitgliedschaften, sogenannte Kameradschaften, die die kleinste Einheit der "nationalen Bewegung" bilden und einem Konzept des führenden Hamburger Neonazis Thomas Wulff zufolge jederzeit als "nicht organisierte Einheiten" mobilisierbar sein sollen. Bei Kundgebungen treten die Kameradschaften in einem geschlossenen Block auf, um als Freie Nationalisten, also als keiner Partei zugehörige Rechtsextremisten, erkennbar zu sein.

Kameradschaften als „Schule für politische Arbeit“
Kameradschaften vereinen nicht nur Neonazis aus verbotenen Organisationen, sondern auch subkulturell geprägte und sonstige gewaltbereite Rechtsextremisten. Die vom sächsischen Innenminister verbotenen rassistischen und antisemitischen Skinheads Sächsische Schweiz (SSS) beispielsweise waren als Kameradschaft organisiert. Dies verweist auf einen Überlappungsbereich zwischen den beiden Szenen. Skinhead-Konzerte dienen der ersten Kontaktaufnahme bei der Rekrutierung von neuen Kameradschaftsmitgliedern. Interessierte Jugendliche erhalten anschließend in den Kameradschaften eine Einführung in die "politische Arbeit". Die Teilnahme an den regelmäßig stattfindenden Kameradschaftsabenden vermittelt den Jugendlichen ein Gemeinschaftserlebnis, ohne dass sie sich hierfür in die festen Strukturen eines Vereines oder einer Partei einbinden lassen müssen.

Das Einstiegsalter liegt bei etwa 16 Jahren; in Einzelfällen nehmen auch noch über 30jährige Personen an den Treffen teil. Der überwiegende Teil der Veranstaltungsteilnehmer ist männlich. Thematisch konzentrieren sich die Kameradschaftsabende auf die Organisation von möglichst öffentlichkeitswirksamen Demonstrationen und Konzerten, die Planung von Aktionen gegen politische Gegner sowie die politische und weltanschauliche "Schulung". Dabei wird verstärkt über die Anwendung von Gewalt diskutiert.

Das „Aktionsbündnis“
Eine wesentliche Rolle bei der Mobilisierung der Kameradschaften aus Niedersachsen, Hamburg, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Bremen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt, die sich selbst als „Nationales und Soziales Aktionsbündnis Norddeutschland“ (NSAN) bezeichnen, spielt das „Aktionsbüro Norddeutschland“. Das „Aktionsbündnis“ ist nach wie vor der in Norddeutschland aktivste rechtsextremistische Verbund mit erheblicher Außen- und Öffentlichkeitswirkung. Sein Mobilisierungspotential bei Veranstaltungen beträgt mindestens 150 Personen, wobei neben Neonazis auch Skinheads und Mitglieder der NPD/JN aktiviert werden.

Die Nutzung von Medien
Auf der Homepage der „Freien Nationalisten“ sind inzwischen mehrere Internet-Seiten der neonazistischen Szene miteinander verlinkt, u. a. das Aktionsbüro Norddeutschland, das Freie Infotelefon Norddeutschland (FIT), der Nationale Informationsdienst Mitteldeutschland, der Arbeitskreis Mädelschar, der Club 88 in Neumünster und das Zentralorgan, das „freie Politmagazin“ der rechtsextremistischen Szene. Diese Medien dienen der Koordination von Aktionen, der Bekanntgabe von Terminen und der Verbreitung von Propagandamitteln. Die von den Freien Nationalisten in Niedersachsen angemeldeten Demonstrationen orientierten sich am politischen Tagesgeschehen, um über das rechtsextremistische Spektrum hinaus inhaltlich auch das bürgerliche Spektrum anzusprechen. Einen Fixpunkt für Aktivitäten der neonazistischen Szene bildet der Todestag von Rudolf Heß.

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